WERKBÜHNE


Wer eine Lesung besucht.....

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...der kann was erzählen.
Ich war im November auf einer Lesung von Joachim „der das Buch zum „Untergang geschrieben hat“ Fest. Und nun wird erzählt.

Da ich vorher beim besten Willen niemanden gefunden hatte, der mich begleiten wollte, mußte ich mich alleine auf den Weg machen.

Schon die Mitarbeiter der Buchhandlung, die die Karten entwertete, schaute mich mitleidig an. Sie war in meinem Alter. Was wußte sie?

Ich schloß mich der bereits versammelten Menge an. An der Espressobar vorbei, links zu den Sportbüchern. Wenn ich jemals selbst eine Lesung veranstalten sollte, würde ich es genau dort machen.
Nach innen geföhnte Bobfrisuren, Lesebrillen, Seidenschals, Perlenketten und Tweedjackets soweit das Auge reichte. Mein Erscheinen drückte den Altersdurchschnitt um etwa 20 Jahre.
Ich fand einen Platz direkt neben dem Regal „Golf/Boxen/ThaiBo/Segeln“.
Ich schien die einzige zu sein, die nicht wußte, wie man sich an solch einem Abend kleidet. Und der Kodex, daß man als Frau einen älteren Herrn mit Lesebrille zu solchen Veranstaltung mitbringen muß, war mir vorher auch nicht bekannt.  
Mein totales Unwissen fiel auch den restlichen 80 Anwesenden auf.

Die meisten hatten ein frisch gekauftes Exemplar des Buches „Begegnungen“ von Joachim Fest auf dem Schoß. Es wurde hektisch die Folie entfernt und geblättert, es sollte doch später wenigstens der Eindruck erweckt werden, man hätte es bereits gelesen.

Plötzlich: Aufruhr am Ende der Sitzreihe. „Ich hatte mir den Platz mit der FAZ freigehalten!“ „Stimmt nicht, hier lag keine Zeitung!“. Die neuen BeSITZer des Platzes weigerten sich aufzustehen, der Mann in der ersten Reihe, der die Zeitung entwendet hatte, zog schuldbewußt den Kopf ein. Ein bißchen Hin und Her, der Tumult löste sich auf.
Ob der Mann ebenso laut geschrien hätte wenn er den Platz mit dem „KICKER“ freigehalten hätte?
FAZ. Darunter liegt immer ein Sitzplatz.

Der Buchhändler, der sich aus einem nicht nachvollziehbaren Grund für einen Entertainer hielt, eröffnete den Abend. Er konnte sich nicht ganz entscheiden, ob er mehr Michel Friedmann oder mehr Harald Schmidt sein möchte. Die Frisur erinnert deutlich an Friedmann, das Auftreten erinnert stark an Dieter Thomas Heck.

Joachim Fest erschien.
Joachim Fest begann vorzulesen.
Da der Rest der Anwesenden nun naturgemäß den Mund halten sollte, begann für die meisten nun der langweiligste Teil des Abends.
Die Langeweile wurde kurz unterbrochen als Fest abstimmen ließ, ob er den Text über Golo Mann oder über Ulrike Meinhoff lesen sollte. Nachdem auch der letzte von seinem Nachbarn darüber aufgeklärt wurde, daß Golo der Sohn von Thomas Mann ist („Oh, Thomas Mann!“), entscheidet sich die Mehrheit für den Mann-Text. Nur eine handvoll Menschen, darunter auch ich, stimmten für den Meinhoff Text.
Es stellte sich heraus daß Herr Fest den Mann-Text gar nicht lesen möchte, so wurden uns die Gedanken zu Frau Meinhoff zur Gehör gebracht. So funktioniert Demokratie. Teile des  Publikums begannen lautstark Vergleiche zu den US-Präsidentschaftswahlen zu ziehen.

Und dann wurde es wieder für alle spannend: Zeit für Fragen.
Nun konnte endlich gezeigt werden, was man alles weiß.
Der Erste spickt seine Frage direkt mit einer solchen Menge Fremdwörter, daß ich überlegte, mir ein Fremdwörterlexikon zu klauen. Die Zeit reichte nicht.
Nachdem noch ein paar Leute mehr  die Gelegenheit bekamen, zu zeigen, daß sie viele Fremdwörter und einen komplizierten Satzbau beherrschen, stand ein Mann auf. Er erzählte von seinem letzten Urlaub in Südfrankreich. Kurz bevor die wütende Menge ihm das Mikro entreissen konnte, kriegte er die Kurve und endet mit der Frage: „In diesem Ort waren im 2. Weltkrieg deutsche U-Boote. Herr Fest, was wissen Sie darüber?“. Herr Fest wußte nichts darüber und es konnte weitergehen. Besonders mutige leiteten ihre Fragen mit dem Satz: „Herr Fest, ich habe ihr Buch zwar nicht gelesen, aber ist es nicht so daß.....“ ein.

Und schon beendete der Dieter Thomas Friedmann des deutschen Buchhandels den Abend mit einer kleinen Gesangseinlage (gesungen wurde  das Lied „Papa wird´s scho richten“, was in einem unerklärlichen Zusammenhang wohl komisch sein sollte) und dem Satz „Wir müssen nun leider, leider aufhören, aber einige der Anwesenden müssen noch ihren Bus in die Eifel kriegen.“

Nachdenklich ging ich nach Hause.

majo (Homepage) am 17. Februar 2005 um 14:51
Schön... ;-)
Ganz grosses - ähm - Fest-Lesen.

   

Stolle (Homepage) am 17. Februar 2005 um 23:21
Sehr schön. Sehr treffend.
Man möchte dabei gewesen sein.
Oder lieber doch nicht.

   

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